Carl Morck ist Vizekriminalkommissar und erst seit ein paar Tagen wieder im Amt, nachdem er bei einem Einsatz durch einen Streifschuss erletzt wurde. Während einer seiner treusten Kollegen sterben musste und ein weiterer nach dem Schusswechsel querschnittsgelähmt bleiben wird und noch immer in der Klinik ist, ist Carl selbst weiter nichts passiert - von seelischen Blessuren einmal abgesehen. Doch die Kollegen meiden ihn. Er ist nunmal anders, er ist bärbeißig und kauzig, kein leichter Zeitgenosse, und nicht alle kommen mit ihm klar. Als sein Vorgesetzter Marcus Jakobsen durch eine Umstrukturierung der Polizei und der Neuschaffung eines "Sonderdezenats Q" die Chance wittert, die hiesige Polizeibehörde durch das Millionen-Budget vor allem finanziell aufzupeppen, greift er zu - eine günstige und nicht allzu niederträchtige Weise, den Kollegen Carl Morck nahezu loszuwerden. Kurzerhand wird Carl also zum Leiter dieses Sonderdezernats ernannt und bekommt fortan ein Büro im entlegensten Winkel des Kellers im Polizeigebäude. Doch Carl durchschaut die Absicht, zumal er vom unglaublichen Budget für dieses "Sonderdezernat Q" erfährt und stellt Marcus zur Rede. So schafft Carl es zumindest, nach einigem Drängen auch ein Dienstfahrzeug und einen Assistenten zur Seite gestellt zu bekommen sowie den nötigen technischen Schnickschnack, den er braucht.
Zunächst lässt er sich treiben. Dem Sonderdezernat sind ausschließlich unaufgeklärte und länger zurückliegende Fälle zur Bearbeitung überlassen. Nach einem kurzen Überblick beschließt Carl, dass er damit ja nun wirklich noch bis zur Pensionierung Zeit hat - und widmet sich zunächst intensiv dem Internet und seiner Augenpflege.
Als er schließlich Assad zur Seite gestellt bekommt, einen recht merkwürdigen syrischen Moslem, wie Carl findet, erkennt er, dass ein Assistent auch bedeutet, dass gearbeitet werden muss. Assad ist kein Polizist. Auf die Frage, wie er an den Job gekommen sei, sagt er nur, er liebe Polizei und habe eben so lange nachgefragt, bis man ihm endlich einen Job gegeben habe.
Nach und nach stellen sich die beiden aufeinander ein. Assad ist wissbegierig und überrascht Carl immer wieder mit seinen weitgefächerten Fähigkeiten. Obwohl es eigentlich nicht erlaubt ist, gewährt er seinem neuen Assistenten auch Einblick in die Sonderakten, die er inzwischen erhalten hat. Noch hat er keine einzige selbst gelesen und weiß nicht, womit er beginnen soll. Erst, als er von oberster Stelle gefragt wird, welchen Fall er gerade behandelt, verschafft er sich einen groben Überblick und teilt die Akten in drei Fallbereiche auf - und entschließt sich, den Fall Merete Lynggard näher unter die Lupe zu nehmen. Merete war Politikerin und ist fünf Jahre zuvor, plötzlich spurlos verschwunden. Man vermutete, sie sei während der Überfahrt mit der Fähre von Bord gefallen und ertrunken. Die Leiche wurde jedoch bisher nicht gefunden.
Parallel lernen wir Merete Lynggard jedoch schon kennen - wir bekommen Einblicke in ihr Leben, in den großen Verlust ihrer Eltern nach einem dramatischen Unfall, der die Unbekümmertheit des Teenagers Merete und ihres Bruders Uffe, der seither stumm und etwas zurückgeblieben scheint, jäh zerstört hat. Die Eltern sterben, ebenso der Vater des anderen verunglückten Wagens, dessen Tochter und einer der noch am Unfallort geborenen Zwillingsgeschwister. Seit diesem Unfall kümmert sich Merete um ihren Bruder und hat außer ihrer Arbeit kaum andere menschliche Beziehungen. So sagen es jedenfalls die Akten.
Und ja - Merete lebt - eingeschlossen in ihrem eigenen Alptraum, wie sich dem Leser offenbart. Nach und nach wird das Ausmaß des Falls Merete Lynggard bekannt - eingeschlossen in einem dunklen Loch, das sich als Druckkammer entpuppt, eingeschlossen von Men¬schen, die sie lange nicht erkennt. Menschen, die sie zunächst noch am Leben lassen wollen, um sie leiden zu sehen. So lange Merete nicht von selbst erkennen würde, warum man sie festhält, würde sie Jahr um Jahr einem immer wieder erhöhten Luftdruck ausgesetzt werden, bis sie von selbst auf die Gründe käme. Die erste Zeit verbringt Merete in völliger Dunkelheit. An ihrem folgenden Geburtstag erhält sie die Chance, die richtige Antwort zu geben - aber sie kennt sie nicht. Das Licht wird eingeschaltet, der Luftdruck erhöht - und das für die komplette Dauer eines Jahres. So vergehen die Jahre... bis Carl Morck 2007 die Akte Lynggard wieder in den Händen hält.
Während Carl noch mit sich selbst und seinem verletzten Kollegen Hardy beschäftigt ist, hat Assad die Lynggard-Akte schon komplett durchgearbeitet und beginnt, Fragen an Carl zu stellen. Fragen, die auch Carl stutzig machen und dazu führen, dass er die Akte sorgfältig prüft und durchkämmt. Wieder und wieder stößt er auf Merkmale, die seinen Polizistenbauch alarmieren und sagen - hey, da stimmt doch was nicht. Lücken im Protokoll, die von Kollegen wegen scheinbarer Unwichtigkeit nicht gefüllt wurden, andere Kriminalfälle, die irgendwie mit dem Fall zusammenzuhängen scheinen und bisher nie in Zusammenhang gebracht wurden. Carl erkennt, dass Meretes Bruder Uffe durchaus helfend zur Seite stehen könnte, wenn man ihn nur dazu brächte, zu kommunizieren.
Seite um Seite rollt Carl Morck neue Fakten und damit neue Fragen auf, nicht selten aufgrund einer Anmmerkung oder Frage seines neuen Assistenten Assad.
Ohne zunächst das ganze Ausmaß zu erahnen, geraten die beiden immer tiefer in den Strudel der Akte Lynggard und decken dabei immer schrecklichere Tatsachen auf. Und so ganz nebenbei soll Carl auch noch seine Psyche in Ordnung bringen, hilft der alten Truppe - natürlich unaufgefordert - bei der Auflösung des Fahrradmord-Falles, der Suche nach den Tätern im eigenen Fall und versucht, sein Leben mit Vigga, seiner getrennt lebenden Frau, einigermaßen in der Waagschale zu halten.
Während viele Personen Carls Leben während seiner Ermittlungen kreuzen, durchlebt er durch sie Passagen des Lebens von Merete Lynggard. Bis er eines Tages ahnt, wie das Schicksal vieler Menschen miteinander verknüpft sind... bis zurück zu dem unseligen Wintertag, an dem zwei Autos kollidierten und zwei Familien viel Leid und Kummer auferlegt wurde....
Carl Morcks erster Fall "Erbarmen" und die Frage, ob eine Frau ein solches Martyrium überleben kann - das müsst Ihr einfach selber lesen!
Jussi Adler-Olsen wurde im August 1950 als Sohn eines Psychiaters in Kopenhagen geboren und hat neben dem ersten Morck-Fall auch den Folgefall "Schändung" veröffentlicht, der in Deutschland am 01. September 2010 erscheint. Zuvor erschienen "Alfabethuset,", "Firmaknuseren" und "Washington Dekretet". Adler-Olsen gilt als bestverkaufter dänischer Kriminalautor. Die Fälle von Vizekommissar Carl Morck sollen ab 2011 im Rahmen einer europäischen Kooperation mit ZDF und Zentropa verfilmt werden.
Rezensiert von: Anke Steidel
420 Seiten, erschienen im Deutschen Taschenbuchverlag
ISBN 978-3423247511